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Hinter dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht in den meisten Fällen vor allem die Frage: Wie viel kann, will oder soll man als Mutter nach der Geburt von Kindern weiterarbeiten? Und wann fängt man wieder an? Während hingegen das Vater werden für Männer höchst selten zu beruflichen Umstellungen führt. Genau dieser Umstand ist Ausgangspunkt für Katrin Wilkens Buch „Mutter schafft!“. Hier analysiert sie nicht nur, wie es dazu kommen kann, dass viele Mütter geradewegs Richtung Altersarmut schlittern, sondern sie gibt auch sehr konkrete Ratschläge wie der Wiedereinstieg in den Job gelingen kann. Oder, was geregelt sein sollte, damit die langen Auszeit für die Kindererziehung zu Hause eben doch nicht zum Problem wird. Spannend ist, dass sie dabei Einblicke in ihre eigenen Erfahrungen gibt – sowohl die privaten, als auch die aus ihrer Tätigkeit als Job-Profilerin.

Katrin Wilkens

Quelle: Marianne Moosherr

Name Katrin Wilkens
Alter 48
Kinder 3
Wohnort Hamburg
Beruf

Freie Journalistin

Buchautorin und Job-Profilerin

Firma i.do

Liebe Frau Wilkens, der Untertitel Ihres Buches „Mutter schafft!“ lautet: „Es ist nicht das Kind, das nervt, es ist der Job, der fehlt“. Was antworten Sie Müttern, die gerne (wieder) außerhalb des eigenen Haushalts arbeiten würden, aber das nicht können – weil die Kinderbetreuung fehlt? Oder denjenigen, die hadern, weil sie das Gefühl haben, sie würden dann ihre Kinder im Stich lassen?

Mit den ersteren bin ich eine Runde wütend, weil ich finde, dass es dem Staat nicht zusteht, zu bestimmen, dass die Mutter in Altersarmut rutscht. Einerseits verhindert er durch fehlende Krippenplätze, dass dieser Umstand behoben wird, andererseits hat er ein Scheidungsrecht auf den Markt gebracht, das der Mutter jeden Unterhalt verweigert, wenn das jüngste Kind drei Jahre alt geworden ist. Bitte den letzten Satz noch einmal lesen: wenn das letzte Kind drei Jahre alt geworden ist, soll die Mutter in Deutschland wieder Vollzeit arbeiten, aber es ist Glückssache, in welcher Region sie wohnt, so dass das auch möglich ist.

 

Die zweite Mutter, die Hadernde, würde ich erst einmal in den Arm nehmen, denn ich kann die schlechten-Gewissensbisse gut verstehen. Ich hatte sie auch, dreimal. Und ich finde: nicht jede Mutter, die Kinder hat, muss wieder arbeiten müssen. Man kann sich auch gut für das daheim-Modell entscheiden – wenn so eklige Sachen wie Rentenvorsorge geklärt sind. Da heißt es dann, mit dem Ehemann in die Bütt zu steigen und zu verhandeln: Wieviel Geld zahlst du mir dafür, dass ich dir den Rücken frei halte, mit den Kleinen Lernwörter übe und der Kühlschrank immer voll ist?

Ein zentrales Thema in Ihrem Buch ist die Altersvorsorge – oder vielmehr, die zu oft nicht vorhandene Altersvorsorge von Müttern. Sie rechnen (vereinfacht) vor, dass die „Durchschnittsmutter“ von zwei Kindern im Laufe ihres Lebens auf eine Gesamtsumme von rund 520.000 Euro verzichtet. Woher kommt dieser Betrag?

Ich bin von einem Durchschnittsgehalt von 2800 brutto ausgegangen, zwei Kindern und der üblichen Regelung: erst Vollzeit zu Hause, dann Teilzeit, später Rente. Wenn man diese drei Zeitspannen zusammen addiert, Auszeit, Teilzeit, Rente, dann kommt diese Summe zustande. Als ich die ausgerechnet hatte, brauchte ich auch erst einmal einen Schnaps. Und mein Mann zwei!

In „Mutter schafft!“ erzählen Sie, dass sehr viele der Frauen, die Sie als Job-Profilerin beraten, auf der Suche sind nach einem Job, „für den sie richtig brennen“, bzw. „der sie etwas wirklich Sinnvolles tun lässt – am besten mit viel Kreativität“. Warum ist das in Ihren Augen nicht unbedingt der richtige, oder zumindest nicht der wichtigste, Anspruch an eine berufliche Tätigkeit?

Teilzeit-brennen geht nicht, wenn man um 15 Uhr an der Kita sein muss. Es ist ja gerade das Wesen von brennen, dass man sich verzehrt – und das geht mit Kindern zumindest nur sehr schlecht. Einer muss bei dieser Jonglage den Preis zahlen – und das sind häufig die Jongleure, die Mütter. Bei der Kreativität (die nicht mit den dekorativen „schön machen“ zu verwechseln ist) ist das etwas anders: wenn ich kreativ etwas erschaffe, dann bin ich auch immer in den Grundfesten meiner Persönlichkeit erschütterbar, denn irgendjemanden kann diese Kreativität nicht gefallen – und das muss man erst einmal wollen, dass man einen Job hat, bei dem man fast grundlos kritisiert werden kann, ohne dass man es verhindern könnte. Kreative Menschen sind häufig zu tiefst einsame Menschen, die Frage ist, ob man das anstrebt…

In Ihrem Buch zitieren die amerikanische Wirtschaftsjournalistin Ann Crittenden mit ihrer Aussage: „Frauen sind inzwischen emanzipiert, Mütter noch nicht.“ Warum ist das so?

Weil es sexier (sagt man das so?) ist, auf einer Oscar-Veranstaltung schwarze me-too-Kleider zu tragen (oder die auf Instagram zu posten) als mit dem Mann über seinen Rentenausgleich zu diskutieren. Es gibt kaum ein Thema, das zuverlässiger eine Gartenparty fundamental sprengen könnte, als „Altersarmut“: Bedrohlich, wahrscheinlich, bäh! Und dabei ist die längst auch in der gut verdienenden Mittelschicht angekommen.

Der zweite Grund ist ein wahrscheinlich ganz und gar profaner: Mütter haben schlicht viel weniger Zeit, sich um ihre Rechte zu kümmern. Weil eben das Seepferdchen-Abzeichen doch wichtiger scheint als die eigene Zukunft.

Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern, damit das Thema „Vereinbarkeit“ in Deutschland keines mehr ist? Sind z.B. vor allem Arbeitgeber gefordert? Oder die Mütter selbst, die sich zu leicht in Instagram- und Pinterest-Brotdosen-Perfektionismus verlieren und damit verdrängen, was wirklich wichtig ist?

Ich finde, politisch müsste das Kita-Netz weiter ausgebaut werden und das Ehegatten-Splitting abgeschafft werden. Dann ist es nämlich viel unattraktiver, nur 15 Stunden Teilzeit zu arbeiten. Für Eltern muss es ein Recht auf die „vollzeitnahe Teilzeit“ geben. Und Väter, wenn sie denn Vollzeit arbeiten, bekommen für die ersten sechs Jahre 20 Urlaubstage mehr, die allerdings nur eingelöst werden können, wenn ein Attest des Kinderarztes vorliegt. Dann fällt nämlich das Verhandeln weg: Wer bleibt zu Hause? Der mit der geringeren Einkommen – die Frau. Dadurch wird ihr Einkommen unwichtiger, marginaler, verzichtbarer.

Zum Schluss: Was ist Ihr ganz konkreter Rat an alle, die gerade schwanger zu Hause sitzen, dieses Interview lesen und vor der Aufgabe stehen, ihre Elternzeit und alles Weitere, was nach der Geburt des Kindes karrieretechnisch passiert, zu planen?

Na, das ist ja eine charmante Steilvorlage: all diesen Frauen rate ich natürlich dingend, mein Buch zu lesen und es danach – als politischen Akt – mindestens drei anderen Freundinnen auszuleihen. Oder dem Mann ans Bett zu legen…

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