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Lösungen für die (Kleinst-)Kinderbetreuung während der eigenen Arbeitszeit, oder auch nur während der 2-3 Stunden, die es für einen Besuch beim Arzt, den Einkauf oder was auch immer braucht – wer Kinder hat, weiß, wie viel diese wert sind… Eine Erfahrung, die auch die Münchnerin Natalie Bendit gemacht hat. Das Ergebnis ist der „Zuckertag“ im Dreimühlenviertel – ein innovatives Konzept, das neben einer regulären Kita mit Ganztagsbetreuung auch stundenweise Babybetreuung, ein Co-Working-Café für Eltern sowie vielfältige Freizeitangebote für die ganze Familie bietet. Wir haben Natalie gefragt, wie es aus ihrer Sicht mittlerweile um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht und was sie anderen Müttern raten würde.

Natalie Bendit

Name Natalie Bendit
Alter 38
Kinder Nick (8)
Wohnort München
Beruf Geschäftsführerin des Zuckertags
Firma Zuckertag GmbH

Liebe Natalie, seit wann gibt es den Zuckertag und wie kam es zur Gründung?

Geöffnet ist der Zuckertag seit September 2013, in die Gründungsphase bin ich bereits ein gutes halbes Jahr vorher gegangen. Zu dem Zeitpunkt war mein Sohn Nick sechs Monate alt. Die Idee zum Konzept war aus meiner eigenen Erfahrung gewachsen: Auch mit einem Säugling zu Hause, hatte ich das Bedürfnis, einfach mal ein bis zwei Stunden meine Sachen zu erledigen, ohne dadurch in Konflikt mit der Betreuung zu kommen. Es gab Zeiten, da hatte ich keine Ahnung, wie ich das schaffen sollte – und wenn es nur um Dinge ging, wie die Ausfüllung des Elterngeldantrages, mal eine neue Hose zu kaufen etc. Und das sogar obwohl ich grundsätzlich sogar den Luxus der Großeltern oder eines Babysitters in der Nähe hatte. Aber auch solche Lösungen sind immer mit Planung verbunden und nicht selten passierte es, dass genau an dem Tag, an dem der Babysitter konnte, mein Sohn krank war und wiederum am nächsten Tag aber der Babysitter nicht mehr verfügbar war… Genau hier wollte ich ansetzen und eine flexible Grundbetreuung für Kinder im Kleinkindalter bieten. – Daraus wurde der „Zuckertag“.

 

zuckertag

Wie sieht das konkrete Angebot Eurer Einrichtung heute aus?

Vielfältig! Angefangen hatten wir zunächst als „Familienfreizeitstudio“ für Münchner Familien mit kleinen Kindern – um, wie gesagt, ein bisschen Luft zu haben, auch mal ohne Kind. Die so geschaffene, betreute Spielgruppe richtet sich an Kinder vom ersten Gehversuch bis zum 4. Geburtstag. Während ihre Kinder mit Gleichaltrigen spielen und von geschultem Personal betreut werden, können die Eltern Erledigungen machen oder auch direkt bei uns im hauseigenen Co-Working-Café den Laptop aufklappen und arbeiten. Weil der Bedarf so groß war, haben wir mittlerweile längst auch eine „Babywelt“ für die flexible Vormittagsbetreuung von Babys und Kleinkindern bis zum ersten Gehversuch. On top kommt unsere Vollzeit-Kita, die von der Stadt München gefördert wird. Sogar das Angebot einer Übernacht-Betreuung gibt es, was ebenfalls sehr gut angenommen wird. Wahnsinnig wichtig ist mir dabei, dass wir ausschließlich mit absolut vertrauenswürdigem Personal arbeiten – eine Person, der ich nicht guten Gewissens auch mein eigenes Kind anvertrauen würde, hat bei uns im Team keinen Platz.

Das klingt nach dem, was man als Mutter oder Vater hören möchte! Und zusätzlich zur Betreuung bietet Ihr sogar noch ein umfangreiches Freizeitangebot für die ganze Familie, richtig?

Ja, richtig. Der anfängliche Gründungsgedanke eines „Familien-Freizeitcafés“ ist geblieben. Viele Mamas lernen unsere Einrichtung bereits vor der Geburt des Kindes durch unsere Geburtsvorbereitungskurse kennen. Dazu kommen Angebote wie Rückbildungsgymnastik, Pekip etc. In unserem Café mit großem Spielzimmer kann sich nachmittags und am Wochenende die ganze Familie tummeln – eine Möglichkeit, die gerade in den Wintermonaten sehr wertvoll ist.

Ein so vielfältiges und flexibles Betreuungsangebot inkl. Coworking-Café ist in München – und auch über die Stadtgrenzen hinaus – ziemlich einzigartig! Und das, obwohl der Bedarf doch eigentlich so groß ist. Warum ist das so?

Ich denke, ein Problem ist, dass die benötigte Qualität der Betreuung unterschätzt wird –bzw. dass den Betreibern von beispielsweise „normalen“ Coworking-Cafés das Know-how dafür am Anfang fehlt. Man braucht schließlich eine Eingewöhnung, beständige Bezugspersonen, Räume, die extra für Kinder gestaltet sind – denn nur wenn die sich wohl fühlen, funktioniert der Rest – dann können die Eltern den Laptop anmachen und loslegen. Damit steht und fällt alles… Die großen (städtischen) Betreiber wiederum brauchen leider immer noch, um sich auf die neuen gesellschaftlichen Strukturen und Bedürfnisse einzustellen.

 

 

zuckertag

Dein eigener Sohn geht mittlerweile zur Schule und ist längst nicht mehr im „Zuckertag-Alter“. Wie löst Du das Betreuungsproblem heute?

Ja, Nick ist jetzt acht und geht in die Schule und danach in den Hort. Das funktioniert sehr gut – auch weil ich den Luxus habe, dass ich mittlerweile ein tolles, eingespieltes Team habe und mir daher oft am Nachmittag freinehmen kann. Am Anfang war das eine ganz andere Geschichte! Ich war teils kurz davor, alles wieder hinzuschmeißen. Schließlich hatte ich einen hohen Anspruch an die Betreuung, wollte mein Kind nicht „irgendwo“ lassen… Es freut mich, wenn ich anderen Eltern in genau dieser Situation jetzt mit unserem Angebot helfen kann.

Sicherlich bekommst Du auch über die Eltern der von Euch betreuten Kinder viel mit: Wie gut funktioniert das dort mit der Vereinbarkeit?

Das kommt natürlich immer auch auf die individuelle Familiensituation an. Aber was wir sehen ist: Bedarf ist überall. Die Eltern, die bei uns im Co-Working-Café sitzen, haben ganz verschiedene Hintergründe. Das sind Studenten, erfolgreiche Anwälte, Kreative, oder auch Leute, die die Elternzeit nutzen, um in die Selbstständigkeit zu starten. Neben allem Beruflichen sind da meist auch noch unzählige andere Dinge, die organisiert werden müssen: Vom Elterngeld, über die Taufe, bis hin zur Pflege der eigenen Eltern. Weil all das so viel Zeit kostet, nutzt eigentlich kaum jemand die durch uns gewonnen Zeit, um einfach mal was für sich zu tun und zum Sport zu gehen oder ähnliches. Was eigentlich schade ist!

Etwas weiter gedacht: was ist Dein Eindruck, wo stehen wir im Bezug darauf in Deutschland? Was würdest Du Dir wünschen – für Dich, für alle?

Zunächst denke ich, es muss beides möglich sein und auch akzeptiert werden: Sowohl die Entscheidung eines Elternteils, zunächst komplett zu Hause und beim Kind zu bleiben. Aber genauso auch die Entscheidung, (schnell) im Beruf weiterzumachen, eigenes Geld zu verdienen etc. In München ist es daher unglaublich wichtig, dass Orte wie uns gibt, die das ermöglichen. – Die Stadt ist teuer, viele Eltern haben gar nicht die Wahl: es müssen beide Geld verdienen. Die Betreuungssituation in Deutschland aber ist katastrophal, es fehlen derzeit 300.000 Plätze. Ich verstehe nicht, wie man es dazu kommen lassen konnte. Dazu kommt das Problem des Personalmangels – quasi jede Kita in München hat derzeit mindestens eine offene Stelle ausgeschrieben. Auf der anderen Seite machen es einem Behörden leider nicht leicht, selbst etwas anzubieten und Lösungen zu schaffen. Hier würde ich mir mehr Offenheit und weniger Bürokratie etc. wünschen. Beispielsweise dann, wenn es um die Anerkennung von Ausbildungen im Ausland geht und die damit verbundene Arbeitserlaubnis. Und: Wir brauchen Verständnis für neue, innovative Konzepte – kein Festhalten an den starren Mustern der Vergangenheit. Die Gesellschaft und die Arbeitswelt (der Frauen) hat sich schließlich verändert.

 

zuckertag kita

Was ist Dein Tipp für Arbeitgeber, die Mütter beschäftigen?

Wir arbeiten mit 100% Frauen, 70% davon sind Mütter. Ich habe festgestellt, dass es hilft, mich in konkret in die Situation meiner Angestellten hineinzuversetzen. Sich zu fragen: Wie wäre es für einen selbst in der Situation? Die Frauen, die Kinder haben, arbeiten teilweise für drei. Genau weil sie so happy sind, dass sie überhaupt die Möglichkeit dazu bekommen. Wir haben bei uns eine 4-Tage-Woche eingeführt – mit 5. bezahltem Tag. Die Arbeitstage rotieren innerhalb des Teams. Das kostet natürlich ordentlich Geld. Aber es zahlt sich aus! Dieser 5. Tag für bezahlte Regeneration schafft einen Mehrwert für all. Ich habe keine offene Stellen, keine Fluktuation und ein Team, das absolut engagiert ist. Auch, weil es die Chance bekommt, den zusätzlichen Workload zu Hause zu wuppen.

Was ist Dein Rat an arbeitende Mütter?

Ich kann nur sagen, was ich gemacht habe: Auf die eigenen Intuition hören. Nicht ängstlich denken: „Kann ich das überhaupt?“, sondern: „Was will ich? Was treue ich mir zu? Was darf ich einfordern von anderen? Auch in der Partnerschaft?“ Und nicht: „Was sagen die anderen?“ Man muss die eigenen Stärken wiederfinden, darauf aufpassen, dass man sich nicht verliert – das passiert einfach viel zu schnell bei einer durchbrüllten Nacht nach der anderen, nicht mal Zeit zum Duschen etc. Man muss sich Hilfe suchen – und da ist absolut nichts Verwerfliches dran. Zu sagen: „Ja, ich brauche Unterstützung.“ Vom Partner, von den Eltern, vom Babysitter, von der (geprüften, vertrauenswürdigen) Betreuung durch eine Kita oder ähnliches..

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